Menschlich, sozial – und digital

Menschlich, sozial – und digital

So profitieren Dienste und Einrichtungen der Sozialwirtschaft von Business Intelligence (BI)

18.04.2018, Autor: Robert Schmitz

Ob im Rettungsdienst, in der mobilen Pflege, bei der Krankenhausorganisation oder in der Spendenverwaltung: Auch in der Sozial-Branche erkennen immer mehr Akteure, dass Daten ein wertvoller Schlüssel zu noch mehr Service, Effizienz und optimaler Ressourcen-Allokation sind. Gerade im direkten Dienst am Menschen werden positive Effekte professioneller Datenanalyse und -visualisierung ganz unmittelbar wirksam: Denn gewonnene Pflege-Zeit durch optimierte Routenplanung kommt beispielsweise Patienten und Klienten mobiler Pflegedienste zu Gute. Und über die schnelle und pünktliche Anlieferung warmer Mahlzeiten freuen sich Kunden im Menü-Service, der dank Produktions- und Geodaten-Auswertung perfekt abgestimmt ist – von der Großküche bis zum Verzehr daheim.

Doch nicht nur Organisation und Abläufe akuter Geschäftsherausforderungen lassen sich auf der Grundlage von Patienten-, Routen-, Fahrtenbuch- oder Wetterdaten in Diensten und Einrichtungen der Sozialwirtschaft besser aufstellen. Auch wichtige gesellschaftliche Megatrends können mithilfe der stets wachsenden Datengrundlage antizipiert und visualisiert werden. Weisen soziodemografische Daten zum Beispiel darauf hin, dass im Laufe der kommenden Jahre in bestimmten Regionen die Anzahl pflegebedürftiger Menschen steigen wird? Ist diese Region eher geprägt durch Ballungsräume? Oder durch infrastrukturschwaches Territorium, wo weite Wege, dünne Besiedelung und wenig Fachkräfte-Nachwuchs die Entwicklung prägen? Entsprechende gesellschaftliche Tendenzen haben – sichtbar und diskutierbar auf der Grundlage von Daten – enorme Bedeutung für die Geschäftsentwicklung von Leistungs-Erbringern in der Sozialwirtschaft.


Datengetriebenes Fuhrpark-Management – bis auf Ebene einzelner Fahrzeuge

Beispiel Malteser Hilfsdient (MHD): Er ist mit seinen 47.000 ehrenamtlichen und 22.500 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine der großen caritativen Organisationen in Deutschland. Vor dem Einsatz einer BI-Software wurden Analysen über Standard-Reports in den SAP-Systemen abgebildet. Diese waren nicht sehr flexibel, wenig benutzerfreundlich und hatten zudem lange Laufzeiten. Daneben existierten von einzelnen Personen innerhalb der Fachbereiche gepflegte Insellösungen – etwa über Excel und Access.
 
Die Herausforderung fing dort an, wo die Möglichkeiten der im Quellsystem integrierten Berichtssysteme ausgeschöpft waren – sprich, wenn es um die performante Bereitstellung großer Datenmengen und die Integration von Daten aus unterschiedlichen Systemen in einer Applikation ging. Um schnelle und flexible Datenanalysen durchführen zu können, entschieden sich die Malteser für eine BI-Plattform, um die ganze Geschichte hinter ihren Daten zu erkennen. Die am häufigsten verwendete Applikation dient zur Analyse von Controlling-Daten. Mit der BI-Software war es hier möglich, in einem Bericht die Anzeige von kumulierten Daten und eine Einzelpostenliste zu kombinieren, ohne Abstriche bei der Berichts-Performance machen zu müssen. Neben der Anzeige der Daten (Buchungskreis, Dienststelle, Kostenstelle, etc.) gibt es diverse Möglichkeiten zur Filterung der Daten nach den verschiedenen Organisationseinheiten (etwa Region oder Bezirk) sowie nach Perioden bzw. Geschäftsjahren. Der Bericht enthält aktuell die Daten von bis zu vier abgeschlossenen Geschäftsjahren – bis auf Ebene der Einzelposten.

Nach der Einführung mit Schwerpunkt Finance und Controlling konnte sich die BI-Lösung der Malteser rasch als Berichtsplattform etablieren. Heute wird diese zudem im Bereich der Mitglieder- und Spendenverwaltung, im Vertrieb, im Krankenhauscontrolling und an vielen anderen Stellen eingesetzt, wo ad hoc eine Auswertungs-Möglichkeit gebraucht wird. In einer Applikation zum Fuhrparkmanagement können über die dort vereinten Daten nun die in diesem Bereich anfallenden Kosten sehr genau analysiert werden – bis auf die einzelnen Fahrzeuge. Neben allen anfallenden Kosten (Anschaffung, Wartung, Reparaturen, Versicherung, Treibstoff, etc.) werden auch die Kilometerstände erfasst. So lassen sich aus diesem Bericht wertvolle Informationen für Neubeschaffungen ziehen.

Datenanalyse in Healthcare nimmt immer weiter zu.

Barrierefreie Analysen auf Grundlage erprobter BI-Technologie

Ein weiteres spannendes Einsatz-Szenario für Data Analytics in der Sozialwirtschaft liefert der Landes-Wohlfahrtsverband (LWV) Hessen: Der Verband engagiert sich für die Umsetzung der UN-Behindertenrechts-Konvention mit dem Ziel einer gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen. Dieses Leitbild der Inklusion wird auch intern gelebt. So suchte der LWV nach einer Möglichkeit, seine BI-Software, die bereits seit mehreren Jahren in Controlling, Fachabteilungen und Revision im Einsatz ist, für Mitarbeiter mit Seheinschränkungen barrierefrei nutzbar zu machen.

Ein IT-Partner wurde identifiziert, der nicht nur ideal in Sachen BI-Technologie, sondern auch auf die Entwicklung von Individuallösungen sowie deren Integration spezialisiert ist. Besonderes Augenmerk lag dabei auf der Entwicklung unterstützender Lösungen für Menschen mit speziellen Anforderungen. Das Thema Inklusion ist dem IT-Partner Akquinet ein großes Anliegen: Die Hamburger Unternehmensgruppe betreibt ein Rechenzentrum, dessen Mitarbeiter zu über 40 Prozent mit einem Handicap leben.

Konzipiert wurde eine Lösung, die auf der gleichen BI-Plattform wie die bislang eingesetzte BI-Lösung läuft. Durch offene Schnittstellen in Verbindung mit dem Aufbau von spezifischen Webseiten (Mashups) konnten die Anforderungen projektspezifisch abgebildet und die BI-Anwendungen für barrierefreie Analysen angepasst werden. Um gezielt Informationen aus einem Datenbestand analysieren zu können, wurde eine webbasierte Oberfläche mit umfangreichen Filterfunktionen aufgesetzt, deren Inhalte mittels eines Screen-Readers vorgelesen werden können und die sich komplett mit Tastenkombinationen bedienen lässt. Die über Mashup-Programmierung realisierte Gesamtlösung ist konform mit gesetzlichen Verordnungen wie der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV) und versetzt den LWV Hessen in die Lage, mit Standardmitteln Barrierefreiheit herzustellen.

MRT-Geräte stellen eine Vielzahl an Daten bereit

Optimiertes Fundraising-Management durch Analyse tausender Spender- und Kommunikationsdaten

Den Nutzen von Datenanalyse und -visualisierung im Bereich Fundraising hat unter anderem die Heilsarmee Schweiz in den Blick genommen. Die soziale Non-Profit-Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, Not zu lindern. In der Schweiz ist die Freikirche seit 1882 aktiv. Inzwischen ist die Heilsarmee mit 36 sozialen Institutionen und 56 Kirchgemeinden in der Deutsch- und Westschweiz breit vertreten und gehört zu den zehn größten Spendenorganisationen in der Schweiz. Die Organisation hatte sich im Bereich Fundraising zum Ziel gesetzt, den Umgang mit Daten zu Spendern und Spendenaktionen zu professionalisieren. Bisher erfolgte die Generierung und Aufbereitung von Kennzahlen uneinheitlich und an verschiedenen Orten über eine Datenbank und diverse Excel-Lösungen. Stattdessen sollte ein Ort geschaffen werden, an dem alle Kennzahlen aufbereitet hinterlegt sind und von den Bereichsverantwortlichen unkompliziert abgerufen werden können.

Um die richtige BI-Lösung zu finden, definierte die Heilsarmee eine Liste mit Anforderungen. Zu diesen zählten etwa die Anbindungsfähigkeit beliebiger Datenquellen und die Verfügbarkeit grafischer Elemente für die Datenvisualisierung. Wert legte die Non-Profit-Organisation zudem auf ein dediziertes Berechtigungskonzept, um genau zu steuern, wer auf welche Daten zugreifen darf.

Genutzt werden die Analytics-Dashboards inzwischen von rund 40 Mitarbeitenden der Abteilung Fundraising und den zur Heilsarmee gehörenden Second-Hand-Shops „brocki.ch“. Über die Fundraising-App werden Daten zu mehr als hunderttausend Spendern sowie den jährlich etwa 15 Aktionen analysiert. Dazu gehören Stammdaten wie die Adresse sowie Informationen, wann wer wie kontaktiert wurde – etwa mittels eines Spendenaufrufs per Brief oder per Magazin. Wie hat welche Aktion performed? Wie viele Spender wurden neu gewonnen? Wie viele Spender konnten zurückgewonnen werden? Das sind typische Fragestellungen, auf die die Heilsarmee jetzt Antworten findet: datenbasiert, performant – und immer im Dienste von Menschen in Not.

Mittlerweile Standart: Ärzte nutzen Big Data Auswertungen zur Erstellung von Diagnosen.

Robert Schmitz ist General Manager Central & Eastern Europe beim Software-Unternehmen Qlik. Dessen Plattform macht Zusammenhänge zwischen unterschiedlichsten Daten sichtbar und hilft dadurch, verbesserte Arbeitsprozesse und neue Entscheidungsgrundlagen zu schaffen. Schmitz schreibt regelmäßig für Fachpublikationen über die Bedeutung von Daten und deren richtiges Verständnis. Der studierte Elektro-/Automatisierungstechniker arbeitet in Düsseldorf. Qlik Homepage

Robert Schmitz ist General Manager Central & Eastern Europe beim Data Analytics Spezialisten Qlik