„Eigentlich werden zu viele Daten erhoben.“<br>

„Eigentlich werden zu viele Daten erhoben.“

Interview mit Philipp Köchling, Co-Trainer FC Bayern München Basketball

27.03.2017

Philipp Köchling fungiert als Co-Trainer der Basketballmannschaft des FC Bayern München in der 1. Basketball-Bundesliga. Seine Hauptaufgabenfelder sind Spiel- und Gegneranalysen. Ein Gespräch über Chancen und Limitierungen beim Einsatz von Software-gestützter Datenanalyse im Profisport.

 

Herr Köchling, in welchen Bereichen setzen Sie Analytics ein und welche Datenquellen stehen Ihnen dafür zur Verfügung?

Ich habe bereits vor Jahren in Eigeninitiative von der BBL eine Schnittstelle bekommen, mit der ich Spieldaten im HTML-Format abrufen kann. Die lassen sich recht gut in eine Software übertragen, mit der ich die Daten präsentiere. Es gibt sicherlich noch mehr Daten, die man erheben könnte. Ein paar interessante Kennzahlen fehlen. Aber insgesamt ist der Datensatz OK.

Zusätzlich erheben wir selber Kennzahlen und analysieren die Datensätze auf Basis unserer speziellen Bedürfnisse, zum Beispiel in Bezug auf unsere Spieltaktik. Auch im medizinischen Bereich kommt Analytics zum Einsatz. Für die medizinischen Daten ist unser Athletiktrainer Mladen Mihajlovic zuständig. Anhand verschiedener Werte können wir die Fitness unserer Spieler überwachen. Das hilft uns dabei Verletzungen und Überbelastung zu verhindern und die Trainingsintensität festzulegen. Auch beim Gegnerscouting und bei der Sichtung potentieller neuer Spieler schauen wir selbstverständlich auf die Zahlen. Zusätzlich zu den Statistiken ist der „Augentest“ aber immer ganz wichtig.

Philipp Köchling ist Co-Trainer der Basketballmannschaft des FC Bayern München.

Welche Tools kommen bei Ihnen zum Einsatz?

Synergy Sports liefert uns sehr viele wichtige Daten und auch Bildmaterial. Seit kurzem nutzen wir die SAP-Lösung Sports One. Jetzt liegen alle Daten in der SAP Datenbank, zusätzlich kommen Tools wie SAP Player Fitness (siehe Abbildung 1) und andere zum Einsatz.

Wie sehen sie die aktuelle Entwicklung in der US-Profiliga NBA, wo einige Teams ihre komplette Spieltaktik auf Basis von Analytics festlegen? Aktuell werden als Folge zum Beispiel mehr Dreier denn je geschossen.

In Europa gibt es wenige Anhänger dieses Ansatzes. (Lesen Sie hier den Leitartikel "Big Data Analyitcs in der NBA") Nationale oder internationale Titel durch Teams, die nur von außen werfen, sind mir auch nicht bekannt. In der Regel spielen die Mannschaften die Titel unter sich aus, die ausbalanciert sind und eine gute Teamchemie haben.

Letztendlich ist das Spiel zu komplex und es geht auch um die Qualität der eigenen Spieler. Eine Mannschaft wie Golden State mit überragenden Dreier-Schützen wie Stephen Curry und Klay Thompson kann das eventuell machen. Sie spielen ohne Zweifel einen beeindruckenden Basketball. Aber es ist typisch für die NBA solche Hypes zu suchen und zu vermarkten. Aktuell ist es der Steph-Curry-Hype (siehe Abbildung 2). Als Trainer freut es mich, wenn dadurch der technische Basketball in den Vordergrund gestellt wird und Nachwuchsspieler danach streben, besser zu werfen. Aber am Ende des Tages muss ich mich nach den Stärken meiner Spieler richten.

Sie glauben also nicht daran, den Dreier „unbedingt“ werfen zu müssen? Es fällt auf, dass München diese Saison im Schnitt die wenigsten Dreier in der BBL wirft, dafür aber eine sehr gute Trefferquote hat.

Den Dreier muss man erst mal erspielen können und die entsprechenden sportlichen Qualitäten haben. Wir wollen, dass unsere Spieler gute, freie Würfe nehmen und nicht solche, die irgendwelche Analysetools errechnen. Dazu kommt, dass kaum ein Wurf im Basketball sich dem nächsten gleicht: Ein anderer Spieler gibt den Pass, der Pass kommt mit einer anderen Geschwindigkeit oder aus einem anderen Winkel, die Fußarbeit war anders, die Pulsfrequenz. Deshalb haben zum Beispiel „Wurf-Charts“ für mich eine begrenzte Aussagekraft. Man muss immer den Kontext eines Wurfes sehen und der ist fast immer ein anderer.

Abbildung 1: Screenshot aus Bayerns SAP Sports One Lösung

Wo stößt Analytics für Sie an die Grenzen?

Basketball ist ein sehr emotionaler Sport. Da geht es nicht nur um Zahlen und Werte, sondern auch viel um Herz, Einsatzbereitschaft und mentale Stärke. Wie ist der Spielstand? Muss ich den Wurf treffen? Wie ist mein Verhältnis zu den Mitspielern? Zu den Schiedsrichtern? Rege ich mich fünf Minuten über eine Schiedsrichterentscheidung auf oder nicht?

In den USA hat sich das Ganze sehr zu einem Individualsport entwickelt. Man liest von herausragenden, individuellen Leistungen einiger Spieler, aber ob deren Team gewonnen oder verloren hat, rückt in den Hintergrund. Ein Makel des amerikanischen Basketballs ist für meinen Geschmack, dass alles auf die Zahlen reduziert wird und deshalb eigentlich zu viele Daten erhoben werden. Die helfen uns Praktikern nicht alle.
Für mich geht der Sport viel mehr um die Spieler, die die „Drecksarbeit“ machen und nicht unbedingt groß in den Statistiken erscheinen, die gut verteidigen, einen Ellbogen ausfahren, einem Ball hinterherhechten, kämpfen. Genau diese Spieler braucht der Sport.

Analytics steht also immer im Zusammenspiel mit Taktik, Technik und mentalen Faktoren. Man kann nicht einen Wert losgelöst nehmen, denn es gibt immer einen Kontext. Taktik funktioniert nicht ohne Technik, Technik nicht ohne Taktik. Das Ganze funktioniert nur mit Menschen und Menschen haben Emotionen sowie physische und mentale Stärken und Schwächen. Daraus ergeben sich dann Statistiken.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Köchling!

 

Abbildung 2: Stephen Curry hat in der Saison 2015-2016 alle vorherigen Rekorde beim 3-Punkt-Wurf klar gebrochen. (Quelle: New York Times)

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